
Jeder lernt in der Schule die gleichen Buchstaben, nach den gleichen Mustern, zusammengesetzt aus Bögen, Strichen und Rundungen. Doch ohne Absicht verändert sich jede schreibende Hand das vorgemalte Idealmodell auf ihre Weise, gibt der Schrift ihre individuelle, ihre persönliche Note. Mit dieser Entdeckung beginnt die Geschichte der Graphologie.
Den ersten Graphologen ging es noch vor allem darum, Schriftfälschungen zu entdecken bei wichtigen Dokumenten. Bald aber begann man die Handschrift zu befragen, was sie über den Schreiber aussagt: über seine Ehrlichkeit oder Verstellungskunst, über seine Intelligenz und seinen Charakter.
Heute ist die Graphologie ein unentbehrliches Hilfsmittel in der Hand des geübten Psychologen. Sie findet Anwendung in der Kriminalistik ebenso wie bei der Personalberatung in der Wirtschaft. Sie dient Verhaltens- und Sozialpsychologen etwa bei der Entdeckung von psychischen Störungen. Sie bereichert die Arbeit des Historikers um interessante Details der Persönlichkeit bedeutender geschichtlicher Gestalten.
Nachstehend stellen wir Ihnen Handschriften verschiedener Persönlichkeiten vor. Es sind nur einzelne Beispiele, aber wir finden diese nennenswert und hoffen Ihnen hiermit einen Einblick in die Welt der "Handschriften und deren Charakter" geben zu können.

Edison (11.2.1847-18.10.1931)
In der quadratischen, typographischen Handschrift Thomas Edisons sucht man
vergebens nach einem Anzeichen von Sensibilität. Die geraden Zeilen, die
gleichsam an der Grun
dlinie klebenden Buchstaben, die gewol-lte Langsamkeit des Duktus*, die Ord-nung und Sauberkeit, das alles ist typisch für den Techniker, der nicht viel Sinn für Kunst und menschliche Schwächen hat.

"Der Mensch ist nicht für die Niederlage gemacht. Ein Mensch kann
vernichten, aber nicht besiegt werden" Ernest Hemingway hat dieses Wort
mit Leidenschaft gesprochen und auch stets danach gelebt. Seine
Handschrift ist ohne jede Maske und zeigt mit ihrem grosszügigen Duktus*
und ihren einfachen Formen den ganzen Reichtum von Hemingways Wesens.

Die Schriftprobe, einige Verse des Dichters, stammt aus einer früheren Periode. Der Autor zeigte isch in der vollen Spontaneität seiner Natur. An der Handschrift ist kaum etwas Gewolltes. Was bei Victor Hugo in die Augen springt ist der besondere Schrifttypus, die Kraft, den Gedanken zu modellieren. Man betrachte die einzelnen Wörter dieser Handschrift, etwa gleich die ersten Zeile. So viele Buchstaben, so viele Meisselschläge; selten nur sind zwei oder drei Buchstaben miteinander verbunden. Das ist das typische Zeichen der spontanen Auffasung.

Diese Dokument aus der Hand von Michelangelo stammt aus dem Jahre 1529. Diese volle, gleichsam plastische Schrift frappiert durch die Kraft, die von ihr ausgeht. Mit fester, gefühlsvoller Hand gezogen, zeugt sie von Stärke und Grösse Michelangelos, der aus dem Marmor robuste, muskulöse Gestalten herausmeisselte. Formen, die man auch auf seinen Gemälden findet, etwa auf den gigantischen Fresken von der Schöpfungsgeschichte, in denen der Künstler sein ganzes Temperament daran gesetzt hat, durch plastische Darstellung der Muskulatur dramatische Effekte zu erzielen.
In diesem kräftigen Duktus* findet man auch anmutige Rundungen, welche die Gefühlswärme und Sensibilität des Künstlers erkennen lassen.
*Duktus
Typographischer Fachbegriff aus der Periode des materiellen Schriftsatzes,
der die Charaktereigenschaft eines Buchstabens beschreibt, also die des
Striches, der Strichstärke und der Strichführung.
Unterschriften einiger Persönlichkeiten
Washington, Hindenburg, Courbet, Matisse, Freud, Mozart, Leibniz,
Colette, Strawinski, Toulouse-Lautrec, Rommel, Picasso, Schubert,
Wagner, Kafka, Alexander Dumas, Tolstoi, Prokofieff, Georg Sand und die
Unterschrift des Malers Fujita in japanisch


Vier mal die Unterschrift Ludwigs II. von Bayern zu verschiedenen Zeiten.
Quelle: Ausschnitt aus dem Buch
-Handschrift und Charakter- aus dem Französischen von Peter Aschner
Lizenzausgabe mt Genehmigung der Media Books S.A. für Bertelsmann,
Reinhard Mohn OHG,
Gütersloh die Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH Stuttgart
und die Buchgemeinschaft Donauland.
Printed in Spain. Buch Nr. 1057